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09 · 10 · 2017

Porträt von Mette Ingvartsen

„Ich möchte herausfordernde Begegnungen mit dem Publikum schaffen.“

 

Seit Mette Ingvartsen im Jahr 2000 in Brüssel ankam, hat sie sich als eine der talentiertesten Künstlerinnen der darstellenden Kunstszene gezeigt, vor allem durch die Breite ihrer künstlerischen Spannweite und ihre ständige Auseinandersetzung mit sozialen Fragestellungen. Auch in Berlin ist ihr Talent bemerkt worden, indem sie 2017 bis 2022 an der Volksbühne in Berlin Mitglied des Programmbeirats ist.

 

Schon im jungen Alter wurde Ingvartsen als Teil der Juniorkompanie unter Leitung von Marie Brolin Tani in Aarhus, Dänemark, mit der Welt des Tanzens bekannt. 1999 fing sie ihr Studium in Amsterdam an, und absolvierte 2004 an der Schule P.A.R.T.S (Anne Teresa De Keersmaekers Performing Art and Research studios) in Brüssel.

 

Ingvartsen schuf ihre erste Aufführung (Manual Focus, 2003) während sie noch Studentin war. Seitdem hat sie einen umfangreichen Katalog von sowohl Forschungsprojekten als auch mehreren Aufführungen hergestellt. Die Aufführungen sind das Ergebnis zwei zentraler künstlerischer Entwicklungen in ihrer Arbeit, wobei die eine Entwicklung von der Idee geprägt ist, dass Choreografie auch außerhalb des physischen Körpers des Tänzers entsteht. Dies wird durch die Einfügung verschiedener „nicht-menschlicher“ Performer und animierter Materialien erreicht. The Artificial Nature Series (fünf Werke zwischen 2009-2012 entstanden) sind ein Ergebnis dieser Idee.

 

„(…) es ist von einer dystopischen Vorstellung, wie wir uns einer Umweltkatastrophe nähern, entstanden. Bezüglich Tanzen und Theater habe ich versucht den Menschen in einer dezentralisierten Position anzubringen, um zu sehen in welcher Weise es anderen performativen Elementen expressive Stärke geben würde.“   

 

Seit 2013 beschäftigt Ingvartsen sich insbesondere mit Fragen des Körpers, der Sexualität, der Nacktheit, des Privatlebens und der Weise in der diese Elemente mit dem öffentlichen Raum verbunden sind. Dieser Wandel des Diskurses war, nach einem Arbeitsprozess, der in hohem Grad auf sowohl animierte Materialien als auch Bildung dehumanisierter Choreographien fokussierte, zunächst von einem persönlichen Bedürfnis und Interesse einer Rückkehr zum menschlichen Körper motiviert. Sexualität und der nackte Körper wurden ein Mittel zur Untersuchung von Teilnahme und dem Kollektiven.

 

„heute versuche ich eher die Strukturen der Macht zu verstehen, die vollständig mit der Wirtschaft, dem Kapitalismus und der Art und Weise, wie sie sich auf unsere Körper auswirken, verflochten sind.

 

Die Aufführung „69 positions“  (2014) entfaltet diesen Diskurs durch das Bezweifeln der sexuellen Emanzipation der 60’er Jahre. Die Eingebung zur Aufführung kam von früheren Aufführungen mit dem Thema der 60’er Jahre, hierunter mit Themen wie Nacktheit, der sexuellen Emanzipationsbewegung, Antikriegserklärungen und Protesten in den USA. Die Suche nach Zusammengehörigkeit durch die sexuelle Emanzipation in Skandinavien, sowohl ihre Erfolge als auch ihre Fehler, hat für Ingvartsen ebenso zu ihrem Interesse dieser Themen geführt.

The Artificial Nature Project © Jan Lietaert

 

Die Möglichkeiten der darstellenden Kunstszene in Brüssel  

 

Als Ingvartsen zuerst in Brüssel ankam, fiel ihr schon das Milieu der darstellenden Künste und des Tanzens blühend auf. Die darstellende Kunst wurde von Institutionen, Künstlerhäusern und kulturellen Zentren entwickelt, von der kulturellen Politik und Kunstfinanzierung unterstützt und einen hohen Stellenwert im Allgemeinen beigemessen. Heute befindet sie sich in einem seit 16 Jahren ständig gewachsenen Milieu, welches die Rahmen für die Arbeitsentwicklung talentierter Künstler erstellt.

 

„Ich verstehe es als ein vielfältiges Milieu, in dem sehr unterschiedliche künstlerische Begriffe leben können. Tanzen hat zum Beispiel einen ganz anderen Status auf institutioneller Ebene in Brüssel als in Kopenhagen. Es gibt mehrere Theater, die das Tanzen schätzen und unterstützen, was zu seiner Entwicklung beigetragen hat. Ich glaube, dass diese strukturelle Unterstützung die experimentelle Szene nährt, damit die Künstler es wagen, Werken zu schaffen, die von der Norm abweichen und weniger mainstream sind. Das bietet ebenso die Zuschauer die Möglichkeit, eine Empfindlichkeit zu entwickeln, die eine Alternative zum eher Unterhaltungsbasierten Theater und Tanzen ist.“   

 

Ingvartsen erläutert das Thema der darstellenden Kunst in Dänemark. Sie hat die Hoffnung, dass ein ähnlicher Verlauf in Kopenhagen erfolgen wird, in dem sowohl das Tanzen als auch die experimentelle Bühnenkunst sich entwickeln, und die richtigen Umstände für strukturelle und finanzielle Unterstützung geschaffen werden. Dansehallerne ist ein gutes Beispiel von einer dänischen Institution, die Tanzen als Hauptzweck hat, und zu Gunsten der zeitgenössischen choreographischen darstellenden Kunst in Dänemark arbeitet. Ingvartsen betont die Wichtigkeit einer Plattform für die großen zeitgenössischen Werke, die mit dem Königlichen Ballett eine „symbolische und finanzielle Wichtigkeit fürs Tanzen“ ausüben.  

 

Der Bedarf darstellender Kunst

 

Anstatt nur von der möglichen Entstehung eines blühenden darstellenden Kunstmilieus zu sprechen, könnte man auch von dem Bedarf dieser Entstehung sprechen. Die Welle von politischen und sozialen Problemen, die sich in ganz Europa ausbreiten, führt zu einer ganz unvermeidlichen Reaktion auf der jetzigen Situation, die sowohl Belgien als auch ganz Europa in den letzten Jahren erlebt haben.

Ingvartsen betont die Tatsache, dass Städte wie Brüssel in diesen Zeiten sowohl theoretische als auch künstlerische Gruppen brauchen, die diese Probleme untersuchen und bearbeiten können. Dies soll nicht nur in den Theatern stattfinden, sondern auch außerhalb der Theater in den Straßen und im öffentlichen Raum.

 

„Aus meiner Sicht braucht die Stadt Brüssel nun die darstellende Kunst mehr als je zuvor. (…) Ich finde es entscheidend, dass Kunstpraxen und Experimentieren im Allgemeinen in Zeiten der Krise unterhalten werden, weil ein besseres Verständnis vom gesellschaftlichen Wandel in diesen Zeiten ständig wichtiger werden“.

 

Es wäre zwecklos, die Spende für künstlerische Projekte, die auf schwierige Fragen fokussieren, jetzt zu reduzieren. Stattdessen soll die Realisierung dieser Werke unterstützt werden, und ihre Bedingungen nicht beeinträchtigt werden. Immanent in diesem Punkt liegt ein sehr zentrales Element in der Arbeit Ingvartsen, und zwar der schwierige Zugang zum Publikum.

 

„Ich möchte herausfordernde Begegnungen mit dem Publikum schaffen. Manchmal werden die Herausforderungen von den Zuschauern herzlich begrüßt, und die Leute machen gern mit, aber ab und zu lösen sie auch Unbehagen aus. Ich finde, dass die beiden Situationen als Studien des Soziales gesehen werden können. Die sozialen Mechanismen können durch das Unbehagen physisch empfunden werden.“

 

Die darstellende Kunst entfaltet durch soziale und politische Fragen die komplexen gesellschaftlichen Probleme, was für Ingvartsen als Thema, Wert und Methode wiederkehrend ist. Ingvartsen betont in ihren Werken und Aussagen über das Thema die Berechtigung, die Möglichkeiten und den Bedarf der darstellenden Kunst.

 

Mette Ingvartsen ist eine vielfältige Künstlerin, derer Arbeit durch ihre belgische Organisation hergestellt wird. Während sie viele Bälle in der Luft hält – forschen, Workshops abhalten, schreiben, performen, neue Aufführungen schaffen – hat Ingvartsen ihren Stempel auf der Szene der darstellenden Kunst in Brüssel markant aufgedrückt. Ihre Karriere besteht sowohl aus Reisen und Touren durch Europa, als auch langfristige Zusammenarbeitsprojekte. Ingvartsen hat sich als eine erfolgreiche Künstlerin etabliert, die sowohl in Dänemark als auch im Ausland große Anerkennung findet.